Was ist intergenerationale Mobilität?

Intergenerationale Mobilität beschreibt den Zusammenhang zwischen den Lebensbedingungen zweier Generationen – typischerweise zwischen Eltern und ihren Kindern. In dieser Studie betrachten wir diesen Zusammenhang im Hinblick auf das Einkommen einer Person, genauer: auf das Arbeitseinkommen. Wir untersuchen, inwiefern das Einkommen einer Person im Erwachsenenalter vom Einkommen ihrer Eltern beeinflusst wird.

Eine hohe intergenerationale Einkommensmobilität bedeutet, dass Kinder aus Haushalten mit tieferem Einkommen ähnliche Chancen auf ein hohes Einkommen haben wie Kinder aus Haushalten mit höherem Einkommen – das Einkommen der Eltern hat also kaum Einfluss. Umgekehrt weist eine niedrige Einkommensmobilität darauf hin, dass sich wirtschaftliche Chancen über Generationen hinweg verfestigen und das Einkommen der Eltern stark darüber mitentscheidet, wie viel ihre Kinder später verdienen.

Wie messen wir intergenerationale Mobilität?

Um zu untersuchen, wie stark das Einkommen von Kindern mit dem Einkommen ihrer Eltern zusammenhängt, betrachten wir die Geburtsjahrgänge 1969 bis 1989. Für diese Personen messen wir das Einkommen im Alter von etwa Mitte 30. Das Einkommen der Eltern erfassen wir zu dem Zeitpunkt, als diese Kinder rund 15 Jahre alt sind.

Anschliessend vergleichen wir, auf welcher Stufe Eltern und Kinder jeweils innerhalb der Einkommensverteilung stehen – zum Beispiel eher am unteren, mittleren oder oberen Ende. Dazu teilen wir die Einkommen aller Personen in 100 gleich grosse Stufen ein. Wer beispielsweise zu den einkommensstärksten 10 % gehört, ist auf Stufe 90 oder höher. So erfahren wir für jede Person, wo sie im Vergleich zu anderen Erwachsenen in ihrem Alter einkommensmässig steht – also ob jemand im oberen, mittleren oder unteren Bereich der Verteilung liegt.

Anschliessend vergleichen wir die Einkommensstufe (technisch der Einkommensrang) der Eltern mit der Einkommensstufe ihrer Kinder im Erwachsenenalter. Je enger diese beiden Einkommensränge miteinander verknüpft sind, desto geringer ist die soziale Mobilität. Anders gesagt: Wenn der Rang der Eltern stark darüber entscheidet, welchen Rang die Kinder später einnehmen, ist die Mobilität niedrig.

Diesen Zusammenhang beschreiben wir mit einer einfachen geraden Linie wie in Abbildung 1, die zeigt: Wie stark steigt der Rang der Kinder an, wenn der Rang der Eltern um einen Punkt steigt?

Einkommensmobilität: Die Rang-Rang-Steigung

Abbildung 1: Einkommensmobilität: Die Rang-Rang-Steigung

Verläuft die Linie eher flach, deutet das darauf hin, dass der Einkommensrang der Eltern kaum Einfluss auf jenen der Kinder hat – die Mobilität ist entsprechend hoch. Steigt die Linie dagegen steil an, übernehmen Kinder weitgehend die Einkommensposition ihrer Eltern – die Mobilität ist gering.

Die Neigung dieser Linie – also wie stark sie ansteigt – bezeichnen wir als Rang-Rang-Steigung. Ein niedriger Wert weist auf eine schwache Verbindung zwischen Herkunft und späterem Einkommen hin: Kinder können sich unabhängig vom elterlichen Einkommen nach oben oder unten bewegen. Ein hoher Wert dagegen zeigt, dass der wirtschaftliche Erfolg einer Person stark mit dem Einkommen der Eltern verknüpft ist – soziale Mobilität ist in diesem Fall eingeschränkt.

Im Extremfall würde eine Linie im 45-Grad-Winkel bedeuten, dass Kinder genau den gleichen Einkommensrang wie ihre Eltern einnehmen, es gäbe also praktisch keine Mobilität. Eine waagerechte Linie (0 Grad) würde dagegen anzeigen, dass kein Zusammenhang zwischen dem Einkommen der Eltern und jenem der Kinder besteht, die Mobilität wäre dann maximal.

Intergenerationale Mobilität verschiedener Quartiere

In unserer Analyse schauen wir uns an, wie stark sich die Einkommensmobilität innerhalb des Kanton Zürich von Quartier zu Quartier unterscheidet. Statt nur einen Wert für den ganzen Kanton zu berechnen, ermitteln wir die Rang-Rang-Steigung für jedes einzelne Quartier. So sehen wir, in welchen Quartieren Kinder besonders gute oder eher eingeschränkte Chancen haben, eine andere Einkommensstufe als ihre Eltern zu erreichen.

Um die Einkommensmobilität für ein Quartier zu berechnen schauen wir uns alle Kinder an, die in diesem Quartier aufgewachsen sind. In Abbildung 2 sind Eltern und Kinder aus Quartier A als grüne Punkte gezeigt (leere Punkte zeigen Kinder, die in anderen Quartier aufgewachsen sind). Die eingezeichnete Linie zeigt, wie stark das Einkommen der Kinder, die in Quartier A aufgewachsen sind, mit dem ihrer Eltern zusammenhängt. In Quartieren mit flacher Steigung (wie in Abbildung 2) ist die Mobilität hoch – hier steigen Kinder im Vergleich zu ihren Eltern auf und ab.

 Einkommensmobilität in Quartier A

Abbildung 2: Einkommensmobilität in Quartier A

In Quartieren mit steiler Steigung – wie in Abbildung 3 – ist die Mobilität geringer, das Einkommen der Kinder hängt stärker von dem der Eltern ab.

Einkommensmobilität in Quartier B

Abbildung 3: Einkommensmobilität in Quartier B

So erhalten wir ein genaues Bild der Einkommensmobilität in verschiedenen Quartieren. Die daraus resultierende Karte macht sichtbar, wie stark sich die Chancen auf Aufstieg oder Abstieg innerhalb des Kanton Zürich unterscheiden. Abbildung 4 zeigt für alle Zürcher Wohnquartiere wie eng das Einkommen der Kinder mit dem Einkommen ihrer Eltern zusammenhängt – also wie stark die Herkunft die spätere Position in der Einkommensverteilung beeinflusst.

Einkommensmobilität im Kanton Zürich

Abbildung 4: Einkommensmobilität im Kanton Zürich

Mobilität im Kanton Zürich

Auf Basis der Rang-Rang-Steigung berechnen wir für den Kanton Zürich, welche Einkommensstufe Kinder im Durchschnitt erreichen – je nachdem, ob sie aus einem Elternhaus mit tieferem, mittlerem oder höherem Einkommen stammen.

«Tieferes Einkommen» bedeutet hier, dass die Kinder aus Haushalten kommen, deren Eltern auf Stufe 25 der Einkommensverteilung stehen. «Mittleres Einkommen» entspricht Eltern auf Stufe 50, und «höheres Einkommen» bezieht sich auf Eltern auf Stufe 75.

Für jede dieser drei Einkommensgruppen berechnen wir die erwartbare Einkommensstufe der Kinder. Die farbigen Dreiecke zeigen so die Mobilität von Kindern aus Elternhäusern mit tieferen, mittleren und höheren Einkommen. Grundlage dafür sind der Achsenabschnitt, die Steigung und die Einkommensstufe der jeweiligen Einkommensgruppe der Familie.

Einkommensmobilität im Kanton Zürich

Abbildung 5: Einkommensmobilität der drei Einkommensgruppen

Die erwartbare Einkommensstufe der Kinder aus Elternhäusern mit tieferem Einkommen im Kanton Zürich wird aus allen individuellen Mobilitätserfahrungen dieser Kinder berechnet. Die Streuung der Punkte in Abbildung 5 macht sichtbar, wie unterschiedlich die individuellen Mobilitätserfahrungen aus derselben Ausgangslage sein können. Der Punkt auf der linken Seite markiert die Einkommensstufe der Eltern mit tieferem Einkommen, die Punkte rechts zeigen die tatsächlich erreichte Einkommensstufe der Kinder im Alter von Mitte 30.

Einige Kinder bleiben in einer ähnlichen Einkommenslage wie ihre Eltern, andere steigen deutlich auf oder rutschen ab. Aus diesen individuellen Verläufen wird dann die im Durchschnitt erwartbare Einkommensstufe der Kinder aus tieferen Einkommenslagen berechnet (lila Dreieck). Für Kinder aus Elternhäusern mit tieferem Einkommen ergibt sich im Kanton ein erwartbarer Aufstieg von rund 28 Stufen. Kinder aus Elternhäusern mit mittlerem Einkommen steigen erwartbar um rund 6 Stufen auf, Kinder aus Elternhäusern mit höherem Einkommen dagegen im Schnitt um etwa 15 Stufen ab.

Einkommensmobilität im Kanton Zürich

Abbildung 6: Einkommensmobilität in der Schweiz

Bewegung im Quartier

Nun berechnen wir für jedes Quartier, auf welchen Einkommensstufen Kinder aus Familien mit tiefem, mittlerem und höherem Einkommen später landen. Die Bewegung dieser drei Einkommensgruppen zusammen beschreibt die Mobilität im jeweiligen Quartier. Sie ergibt sich aus den erwartbaren Auf- und Abstiegen der drei Gruppen. Jede Gruppe trägt damit zur gesamten Mobilität im Quartier bei.

Entscheidend ist dabei: Mobilität meint Bewegung, unabhängig davon, ob sie einem Aufstieg oder einem Abstieg entspricht. So ergibt sich ein umfassendes Bild der sozialen Durchlässigkeit für jedes Quartier und jede Gemeinde im Kanton.

 

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