Wie steht es um die Einkommensmobilität im Kanton Zürich?

In der Schweiz ist die Einkommensmobilität vergleichsweise hoch. Das bedeutet: Wie viel jemand später verdient, hängt weniger stark vom Einkommen der Eltern ab als in vielen anderen Ländern. Dieses Muster zeigt sich auch im Kanton Zürich: Unsere Analysen machen sichtbar: Kinder aus sehr unterschiedlichen Herkunftsfamilien (tieferes, mittleres, höheres Einkommen) können als Erwachsene auf ähnlichen Einkommensstufen landen – ein Zeichen für viel Bewegung zwischen den Generationen und ein Zeichen für soziale Durchlässigkeit im Arbeitsmarkt.

Mobilität ≠ weniger Ungleichheit

Hohe Mobilität bedeutet nicht, dass die Gesellschaft automatisch «gleicher» wird, auch wenn das auf den ersten Blick auf den Grafiken so wirken kann, weil die Einkommensstufen der zweiten Generation näher beieinander liegen. Aber: Die Dreiecke zeigen nur, wo Kinder aus unterschiedlichen Herkunftsfamilien im Durchschnitt landen – nicht, wie weit die Einkommen in ihrer Generation auseinanderliegen.

Unsere Analyse zeigt also, dass sich die Positionen innerhalb der Einkommensverteilung von einer Generation zur nächsten verändern – nicht, dass die Einkommensunterschiede selbst kleiner werden. Das heisst: Mobilität bedeutet Bewegung, nicht Gleichheit. Vereinfacht könnte man sagen: Die Einkommen sind weiterhin ungleich verteilt, aber wer «oben» und «unten» ist, verändert sich über Generationen. Das sagt etwas über Chancen im Verhältnis zur Herkunft aus, nicht aber über die Ungleichheit innerhalb der heutigen Generation.

Lokale Unterschiede schwächen die Chancengleichheit

Mobilität ist nicht überall gleich – sie variiert deutlich innerhalb des Kantons Zürich und hängt somit von lokalen Begebenheiten ab. Angesichts der Kleinräumigkeit des Kantons sind die Unterschiede erstaunlich gross: In manchen Gemeinden und Quartieren hängt das Einkommen der Kinder stärker von dem der Eltern ab. In anderen ist der Zusammenhang deutlich schwächer.

In vielen Teilen des Kantons ist die soziale Mobilität so hoch wie, oder sogar höher als in Dänemark, einem im internationalen Vergleich sehr «mobilen» Land. Einzelne Quartiere erreichen dagegen Werte, die eher dem Niveau der USA entsprechen - ein Land, das im Vergleich eine geringe Mobilität aufweist. Das bedeutet auch, dass Aufstiegschancen für Kinder aus Familien mit tieferem Einkommen lokal sehr unterschiedlich sind: In einigen Gegenden des Kantons gelingt sozialer Aufstieg leicht, in manchen ist er schwerer.

Diese lokalen Unterschiede widersprechen der Idee von Chancengerechtigkeit. Niemand kann sich aussuchen, wo er oder sie aufwächst – und doch beeinflusst der Wohnort, welche Möglichkeiten jemand später hat.

Warum unterscheiden sich die Chancen von Ort zu Ort?

Die lokalen Unterschiede in der Einkommensmobilität haben viele Ursachen. Ein Teil lässt sich mit messbaren strukturellen Merkmalen der Gemeinden und Quartiere erklären, ein anderer Teil hängt mit spezifischen lokalen Gegebenheiten zusammen, die wir nicht systematisch erfassen können. Jede Gemeinde und jedes Quartier hat eine eigene soziale und wirtschaftliche Struktur, die über Jahre gewachsen ist und die Chancen junger Menschen unterschiedlich prägt.

In unseren Analysen zeigen sich einige systematische Zusammenhänge: Am höchsten ist die Mobilität in stadtnahen Agglomerationen während sie sowohl in sehr urbanen als auch in ländlichen Gebieten tendenziell tiefer ist. Ausserdem weisen Orte mit höherer Arbeitslosigkeit eine geringere Einkommensmobilität auf. Diese Faktoren können darauf hinweisen, dass Konkurrenz um Ausbildungs- und Arbeitsplätze oder fehlender Zugang zu stabilen Erwerbsverläufen die Aufstiegschancen erschweren.

Gleichzeitig erklären diese Merkmale die lokalen Unterschiede nur zu einem kleinen Teil. Gerade weil wir auf einer sehr kleinräumigen Ebene arbeiten, spielen auch Einflüsse der näheren Umgebung eine wichtige Rolle: Schulen, Lehrstellenangebote, lokale Netzwerke, aber auch die Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen in benachbarten Quartieren und Gemeinden. Viele Menschen leben zwar in einem bestimmten Quartier, arbeiten oder absolvieren ihre Ausbildung aber über Gemeinde- und Quartiersgrenzen hinweg.

Die gemessene Mobilität eines Ortes ist deshalb immer auch Ausdruck seines weiteren Umfelds. Lokale Unterschiede entstehen somit aus einem Zusammenspiel von strukturellen Rahmenbedingungen, sozialen Netzwerken und regionalen Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten.

Arbeitseinkommen bilden eine unvollständige Realität ab

Unsere Berechnungen und Analysen beziehen sich nur auf Arbeitseinkommen. Andere Einkommensarten – insbesondere Kapitaleinkommen – fehlen. Wahrscheinlich überschätzen wir deshalb die tatsächliche Mobilität, weil Kapitaleinkommen in höheren Einkommensschichten häufiger sind und stärker von der Herkunft abhängen als Arbeitseinkommen.

Noch wichtiger ist aber, dass wir uns hier ausschliesslich auf die Mobilität in Bezug auf Einkommen beziehen. Über Vermögen oder das ökonomische Sicherheitsnetz von Familien wissen wir wenig. Solche Rücklagen erlauben es manchen Menschen, ein geringeres Arbeitseinkommen zu akzeptieren, ohne auf Sicherheit verzichten zu müssen. Wenn der Lohn nicht die einzige Einkommensquelle darstellt, kann sich eine Person die Art der Arbeit oder das Pensum freier aussuchen. Diese umfassendere Perspektive relativiert somit auch die ausgeprägte Abwärtsmobilität unter erwachsenen Kindern aus Familien mit höherem Einkommen.

Unsere Zahlen zeigen also nur einen Teil der wirtschaftlichen Realität. Wir können zeigen, dass die Mobilität im Arbeitsmarkt in der Schweiz und im Kanton Zürich vergleichsweise hoch ist. Diese Interpretation lässt sich aber nicht auf die soziale Mobilität insgesamt ausweiten. Besonders in Bezug auf Vermögen wissen wir, dass die Abhängigkeiten zwischen Generationen durch Erbschaft deutlich grösser sind und die Mobilität somit deutlich kleiner.

Quartiere und Gemeinden bieten heute möglicherweise andere Chancen

Intergenerationale Mobilität lässt sich erst sinnvoll messen, wenn die Kinder ihre Ausbildung abgeschlossen haben, im Arbeitsmarkt angekommen sind und ein eigenes Einkommen erzielen. Deshalb betrachten wir ihr Einkommen im Alter von etwa Mitte 30. Das Einkommen der Eltern erfassen wir zu dem Zeitpunkt, an dem die Kinder rund 15 Jahre alt sind.

Über die Mobilität der heute aufwachsenden Kinder können wir damit noch nichts sagen. Unsere Analysen beziehen sich deshalb auf die Geburtsjahrgänge 1969 bis 1989. Diese Personen sind heute erwachsen, haben ihre Ausbildung in der Regel abgeschlossen und erzielen ein eigenes Einkommen, das sich mit dem früheren Einkommen ihrer Eltern vergleichen lässt.

Der Wohnort wird in unseren Analysen dagegen zum Zeitpunkt der Teenagerjahre bestimmt, also dann, wenn die Kinder noch zu Hause wohnen und den direkten Einfluss des Elternhauses spüren. Diese Lebensphase gilt als prägend für spätere Ausbildungs- und Berufsentscheidungen.

Die dargestellten lokalen Unterschiede basieren somit nicht auf der aktuellen demographischen und sozioökonomischen Komposition der Quartiere und Gemeinden, sondern auf deren Zusammensetzung ungefähr um die Jahrtausendwende. Es ist möglich, dass Quartiere und Gemeinden, die sich seither stark verändert haben, heute andere Aufstiegschancen bieten als damals.